1.3 Charakterstärken ermitteln
 
Die Lektion zum Mitlesen:
Grundsätzlich nähern wir uns in diesem Modul unseren Stärken, Werten und unserem Lebenssinn mit mehreren Methoden. Ich möchte damit verschiedene Facetten abbilden und Ihnen auch die Möglichkeit geben, auf eine zweite Übung zurückzugreifen, sollten Sie an irgendeiner Stelle mal hängen bleiben. 

Daher möchten ich ganz konkret das Thema „Stärken“ auch noch von einer etwas anderen Seite beleuchten, nämlich von der Seite Ihrer positiven Persönlichkeitseigenschaften, den sogenannten "Wie-Stärken". Dazu nutzen wir ein international anerkanntes und evaluiertes Testverfahren, den VIA-Stärkentest.


Um die eigenen Stärken herauszuarbeiten, eignet sich ein frei zugänglicher Fragebogen, der VIA-IS. Abgekürzt bedeutet das Values in Action – Inventory of Strengths. Dieser Fragebogen ist seit 2004 im Einsatz, wurde bereits millionenfach genutzt und wird ständig weiterentwickelt. Er ist von den amerikanischen Psychologen Martin Seligman und Christopher Peterson entwickelt worden. In deutscher Sprache wird er von der Universität Zürich angeboten, und zwar konkret unter der URL, die wir jetzt unten im Video einblenden.  

Ich möchte Sie einladen, sich hier anzumelden und am Testverfahren VIA-IS teilzunehmen. Sie erwarten 264 Fragen, die sich auf 24 Charakterstärken beziehen. Unter Charakterstärken werden sogenannte „Wie-Stärken“ verstanden, das heißt positive Persönlichkeitseigenschaften, wie Kreativität, Humor oder Authentizität. Es ist erwiesen, dass man zu besonders guten Ergebnissen kommt, wenn man diese Charakterstärken kennt und nutzt. Einen Überblick über die Charakterstärken bekommen Sie auch in Ihren Kursunterlagen.


Wenn Sie diesen Test machen, bekommen Sie selbst das Ergebnis umgehend zugeschickt. Dabei erhalten Sie für jede Charakterstärke einen bestimmten Prozentsatz. Ihre größte Stärke wird mit 100 % ausgewiesen, alle anderen Stärken richten sich daran aus. Der Test funktioniert so, dass nicht nur Ihre persönlichen Stärken in eine bestimmte Rangfolge gebracht werden, sondern sie werden gleichzeitig auch mit denen in Ihrem Persönlichkeitscluster verglichen, also mit den auf Geschlechter und Alter bezogenen Angaben.
Wenn Sie hier etwas kleiner einsteigen und den Test nicht machen möchten – nicht jeder ist so ein Testtyp – dann können Sie auch die Liste der 24 Charakterstärken in unseren Arbeitsmaterialien als Inspiration nutzen und über Ihre Stärken nachdenken und vielleicht für sich ein kleines Ranking machen. Sehr viel wirksamer ist es allerdings, wenn Sie sich auf den Test einlassen. Sie werden es nicht bereuen.

Jeder Mensch hat etwa fünf bis sieben Charakterstärken, also Ihre höchsten fünf Werte machen Ihre größten Stärken aus. Am Ende der Skala finden Sie Ihre am schwächsten ausgeprägten Stärken, auf die wir uns im Folgenden allerdings nicht fokussieren.

In der Abbildung konnten Sie sehen, dass die 24 Charakterstärken sechs Tugenden bzw. Clustern zugeordnet wurden: Mut, Humanität, Spiritualität, Mäßigung, Gerechtigkeit und Weisheit bzw. Wissen. Interessant ist es für Sie, Ihre ermittelten Stärken zu analysieren im Hinblick auf die Cluster bzw. Tugenden, denen sie zuzuordnen sind.

Dazu markieren Sie am besten Ihre größten fünf bis sieben Stärken auf dem Arbeitsblatt. Wenn Sie zum Beispiel feststellen, dass Ihre Stärken Authentizität, Mut und Ausdauer sind, dann sind Sie besonders stark im Cluster "Mut". Daraus könnte man schlussfolgern, dass Sie Ihre Stärken in einer Führungsposition und ggf. auch in der Selbstständigkeit besonders gut ausleben können. Sind Ihre Stärken im Bereich des Teamworks und der Fairness, ist das Cluster "Gerechtigkeit" bei Ihnen besonders ausgeprägt und entspricht auch vermutlich einem Ihrer größten Werte. In unserem Begleitmaterial geben wir Ihnen zu allen Charakterstärken Erläuterungen, die Ihnen nähere Informationen zu jeder Stärke geben.

Zur Analyse und Erkundung Ihrer, über den Test ermittelten, Charakterstärken können Sie sich folgende Fragen stellen:  
  • Was bedeutet diese Stärke für Sie? 
  • Wie leben Sie diese konkrete Stärke? 
  • Wann setzen Sie diese Stärke schon jetzt bewusst ein?
  • In welchen Bereichen spielt diese Stärke bisher noch keine größere Rolle? 
  • In welchen Situationen ist diese Stärke eine echte Ressource für Sie?
Und auch: 
  • Wann wäre es sinnvoll, sie noch mehr zum Einsatz zu bringen? Wie könnte man das konkret tun?
  • Welche Ihrer Stärken setzen Sie aktuell so gar nicht ein?
  • Welche Aufgaben haben Sie zu erledigen, die gar nicht Ihren Stärken entsprechen?
Diese Reflexionsfragen helfen Ihnen, Ihre im Test oder auch mit Hilfe der Fragenliste herausgearbeiteten Stärken zu hinterfragen, zu erkunden und auch stärker einzusetzen. Stärken zu stärken ist ein viel erfolgversprechenderes und gewichtigeres Mittel zum Erfolg, als die schwach ausgeprägten Stärken unbedingt verbessern zu wollen.

Dazu ein Beispiel aus meiner Beratungspraxis: 
Ich arbeitete mit einer Klientin, die stark ausgeprägte Stärken und auch Werte – darauf kommen wir gleich noch – im Cluster "Gerechtigkeit" hat. Das heißt der Erfolg ihres Teams war ihr mindestens genauso wichtig wie ihr persönlicher Erfolg. Sie konnte sich sehr daran freuen, in der Gruppe gute Ergebnisse zu erzielen und zog ihre Energie daraus, im Team erfolgreich zu sein und neue Ideen zu entwickeln. Sie lebte auf, wenn sie sich mit anderen austauschen konnte und hatte die besten Ideen, wenn sie „laut denken“ konnte, wie sie es immer nannte. Sie war in einem Konzern beschäftigt mit konservativer, klassisch-hierarchischer Struktur. Die Führungskräfte untereinander waren nicht offen, sondern darauf bedacht, sich selbst ins rechte Licht zu rücken. Da sie mit ihrem Team sehr erfolgreich war, wurde ihr eine Bereichsleiter-Position angeboten.

Nach reiflicher Überlegung hat sie die Position nicht angenommen. Eine große Rolle bei ihren Überlegungen spielte, welche Erwartungen sie in Bezug auf den Einsatz ihrer Stärken in der Bereichsleitung hatte. Und es wurde relativ schnell klar, dass sie unter diesen Bedingungen in diesem Konzern ihre größte Stärke Teamwork als Bereichsleiterin nicht mehr hätte ausleben können. Am Ende führte ihre Reflexion sogar dazu, dass sie den Konzern ganz verlassen hat. Sie ist zu einem späteren Zeitpunkt in ein Unternehmen gewechselt, das den Teamgedanken stärker lebt, das eine Kultur hat, in der sie ihre Stärken besser ausleben kann. Es war in diesem Fall ein Start-up in der Wachstumsphase, in dem sie mit ihrer Erfahrung dabei helfen konnte, eine sinnvolle Struktur aufzubauen – und zwar auf Augenhöhe mit ihrem Team, mit ihren Kollegen und auch mit der Geschäftsführung. Hier konnte sie ihre größte Stärke „Teamwork“ ausleben, was sie nicht nur erfolgreicher, sondern auch wesentlich zufriedener macht. Denn jetzt passt die Unternehmenskultur zu ihrem Mindset.

Sie erkennen nun, wie wichtig es ist, seine eigenen Stärken zu kennen und gegebenenfalls auch seine berufliche Aktivität daran auszurichten. Ideal ist es, wenn Sie Ihre wichtigsten drei bis fünf Stärken deutlich präsent haben, damit Sie bewusst damit arbeiten können.

Dieses Beispiel führt uns zum nächsten Thema, zu dem Sie sich Gedanken machen sollten: Zu Ihren Werten.